„Im Thema Behinderung liegt meine Kompetenz.“

Im Interview: Niko von Glasow: Niko von Glasow Niko von Glasow zählt zu den wenigen international renommierten Filmemachern mit Behinderung: Für den Dokumentarfilm „Nobody’s Perfect“, in dem 12 Protagonisten mit Conterganschädigungen für einen Aktkalender posieren, gewann der in Köln geborene Regisseur 2009 den Deutschen Filmpreis. Im Juni 2012 brachte Niko von Glasow sein erstes Theaterstück „Alles wird gut“ in Köln erfolgreich auf die Bühne – eine erneute Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen Anderssein und der Stellung von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft. Der dritte Streich war sein 2013 gedrehter Streifen „Mein Weg nach Olympia“ – eine kritische Auseinandersetzung mit den Paralympics. Ich habe mich mit ihm im Sommer 2012 in Köln am Rande der Proben zu „Alles wird gut“ unterhalten:

Margit Glasow: Niko, was waren die Gründe, die Sie dazu bewogen haben, dieses Theaterstück zu machen?

Niko von Glasow: Theater hat mich schon immer fasziniert. Das ist etwas ganz anderes als Filmemachen. Ich wollte den Schauspieler ins Zentrum des Erlebens rücken. Das ist für mich das Schöne am Theater. Beim Film ist das ganze Bühnenbild, die Kostüme usw. alles so überragend, da komme ich im Theater nicht ran. Deshalb lasse ich es weg und konzentriere mich auf die Schauspieler, auf ihre Gefühle und Sehnsüchte.

Margit Glasow: Aber es geht erneut um das Thema Behinderung. Haben Sie keine Angst, in eine bestimmte Schublade geschoben zu werden?

Niko von Glasow: Ja, das habe ich zunächst auch gedacht. „Nobody´s perfect“ wollte ich ja eigentlich gar nicht machen – meine Frau hat mich letztendlich dazu gezwungen hinzusehen. Aber nach diesem Film habe ich begriffen, dass genau in diesem Thema meine Kompetenz liegt. Als ich das Angebot bekommen habe, dieses Theaterstück mit behinderten und nichtbehinderten Schauspielern zu inszenieren, da habe ich gesagt: Klar, mache ich, aber unter einer Bedingung. Entweder ich sehe alle Schauspieler als behindert an oder alle als nichtbehindert. Und das hat sich im Laufe der Proben auch so herauskristallisiert. Es sind vier Schauspieler dabei, die keine sichtbare Behinderung haben, aber dafür haben sie einen anderen Knacks. Ich denke, jeder Mensch ist behindert.

Margit Glasow: Sie haben gesagt, wenn sie hier im Theater sind, fühlen Sie sich nicht behindert, aber wenn Sie raus gehen, wird Ihnen Ihre Behinderung viel stärker bewusst. Können Sie mir das näher erklären?

Niko von Glasow: Nun, hier drinnen bin ich sozusagen Gleicher unter Gleichen, ich bin voll in meinem Regieelement. Ich bin die ganze Zeit am Tanzen. Wenn ich aber heraustrete aus diesem Tanz und mir das von draußen ansehe, auch mich selber, merke ich, wie seltsam das wirkt, dieses Seltsamsein. Man setzt sich hin und schaut den anderen zu und fragt sich: Oh Gott, sieht das so albern aus?

Margit Glasow: Hat das mit unserem Bild von uns selbst zu tun, das wir uns immer an die vermeintliche Normalität anzupassen versuchen?

Niko von Glasow: Ja, sicherlich. Wenn man das Thema Behinderung den ganzen Tag thematisiert, dann erscheint es dir normal. Aber dann gehst du aus dieser Welt, aus unserer Welt heraus. Dann sitze ich in der Straßenbahn und bin wieder in der Holokultur der Außenwelt. Und dann ist die Wahrnehmung eine ganz andere. Dann sehe ich auch das Unfreudige, was man so in der Straßenbahn sieht, und bin immer ganz froh, wenn ich auch mal Zigeunern, Rollstuhlfahrern, Blinden begegne. Ich finde es einfach viel spannender, wenn Leute anders sind.

Margit Glasow: Aber wollen die so genannten Nichtbehinderten Behinderte sehen? Im Theater, im Fernsehen, im Kino?

Niko von Glasow: Nein, nein, wollen Sie nicht.

Margit Glasow: Aber für wenn machen Sie es dann?

Niko von Glasow: Ich denke, wenn man es schaffen würde, jeden Tag 20 Minuten Menschen mit Behinderung im Fernsehen zu zeigen, was zum Beispiel in Holland mal eine Weile Gesetz war, dann gewöhnt sich die Öffentlichkeit daran. Wenn man mit uns mehr zusammen ist, dann wird das Miteinander harmonischer. Dann passt es besser zusammen

Margit Glasow: Warum ist das in Deutschland so schwer umzusetzen?

Niko von Glasow: Weil die Medienentscheider genau die berühmten Berührungsängste haben wie alle anderen. Aber diese Entscheider würden das nie zugeben, auch nicht vor sich selbst. Sie sind so behindertenfeindlich – innerlich – wie die Gesellschaft als solche. Wie soll ich das beschreiben: Ich werde zum Beispiel selten auf schicke Partys eingeladen. Mein Bruder ist Verleger, der geht immer mit schicken Leuten aus. Ich nicht.

Margit Glasow: Ist das wirklich so? Auch wenn man als Regisseur schon einen gewissen Namen hat?

Niko von Glasow: Es gibt nur ganz wenige Leute aus der Society, die anders sind. Sehr souveräne und oft dann sehr berühmte Leute, die stehen darüber. Aber das mittlere Management oder das Schickeriaunterniveau hat Schiss. Einer hat mal zu mir gesagt: Das erinnert mich an meinen eigenen Tod. Da hat er mal ein wahres Wort gesagt. Es ist die Vergänglichkeit. Wenn man älter wird, wird man unweigerlich irgendwann behindert. Hinzugucken auf die Vergänglichkeit des Lebens, davor haben sie Angst.

Margit Glasow: Was glauben Sie, welche Leute werden denn zu den Vorstellungen Ihres Theaterstückes kommen?

Niko von Glasow: Das ist eine gute Frage. Wenn sie mal da sind, werden sie es alle toll finden, aber die Überwindung, in einen Film oder ein Theaterstück mit behinderten Menschen zu gehen, ist extrem groß. Ich hatte für meinen Film „Nobody’s Perfect“ die größte Presse, die man sich überhaupt denken kann, aber es ist keiner rein gegangen.

Margit Glasow: Auch nicht, als sie dafür den Filmpreis bekommen haben?

Niko von Glasow: Nein, auch dann nicht, Ich habe danach weder Jobs bekommen noch sind sie ins Kino gegangen. Im Fernsehen hatte der Film hohe Einschaltquoten, viele haben den Film dort gesehen. Im Fernsehen funktioniert das anders: Einschalten – und – ach das ist ja interessant. Aber die Überwindung, Karte kaufen und reingehen, ist sehr hoch. Übrigens: Im Internet ist diese Barriere auch nicht da. Dort haben Filme mit behinderten Menschen enorme Klicks.

Margit Glasow: Niko, Sie planen ein neues Projekt. Ein Film über die Paralympics 2012 in London für die ARD. Sind Sie so sportbegeistert?

Niko von Glasow: Ich mag keinen Sport. Ich bin Sportfeind.

Margit Glasow: Und was kann der Zuschauer dann für einen Film erwarten?

Niko von Glasow: Einen nicht so schönen Film, aber einen sehr komischen über nicht so erfolgreiche Sportler. Ich bin an den supererfolgreichen nicht interessiert. Ich bin viel interessierter an einem Spastiker, der zum Beispiel aus Burma kommt und Boccia spielt. Ich werde diesen Film aufbauen auf dem Gedanken: Welchen geistigen Weg muss ich gehen, um Spitzensport herzustellen. Um Hochleistungssport zu machen, musst du ja nicht nur Muskeln haben, du musst etwas innerlich überwinden, zum Beispiel Schmerz, Angst usw. Die Frage ist für mich: Was passiert da im Kopf?

Margit Glasow: Mir ist ein Satz von „Nobody’s Perfect“ in Erinnerung. Dort sagen Sie: Ich will einmal nicht wegen meiner Behinderung angestarrt werden, sondern wegen meiner Leistung.

Niko von Glasow: Das könnte auch bei den Sportlern eine große Motivation sein. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass man einmal dem Vater zeigen will: Ich bin nicht der Krüppel, für den Du mich hälst. Ich glaube, die Motivation bei behinderten Sportlern ist genauso neurotisch wie bei allen anderen auch. Mal will man es den Eltern zeigen, mal sich selber, mal will man aus der Masse heraustreten, mal will man nicht mehr als Behinderter angesehen werden. Ich glaube, sie werden alle auf ihre Weise ihr Ziel erreichen. Vielleicht werden sie nicht die Goldmedaille holen, aber den Kuss von der Mutter vielleicht.

Margit Glasow: Niko, ich bedanke mich für das offene Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Umsetzung Ihrer Projekte.

Foto: Uwe Klees

https://www.youtube.com/watch?v=gyUP4UpMHVQ

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s