Große Lüge INKLUSION: Bin ich ein KRÜPPEL?

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Eine ganz persönliche Sichtweise

Ich hatte mich für das blaue Kleid entschieden, das mit dem tiefen Ausschnitt. Mit Absicht! Weil ich wusste, dass das den einen oder anderen nervös machen könnte. Das ganze Gequatsche über Inklusion würde – dann, wenn man sich direkt gegenüberstand – etwas in den Hintergrund rücken und es vielleicht ein wenig ehrlicher machen. Angriffslustig ging ich an jenem Tag in die Rostocker Innenstadt, um an einer Podiumsdiskussion zum Bundesteilhabegesetz mitten auf dem Universitätsplatz teilzunehmen. Ich ahnte, dass es wieder einer dieser Tage werden würde, an denen man das Gefühl haben konnte, „die Behinderten haben Ausgang“. Und ich hasste dieses Gefühl. Ich hasste es, ein Außenseiter zu sein. Angeglotzt zu werden. Nicht in der gleichen Liga zu spielen. Eben ein Krüppel zu sein.

Ja, ich gebe zu, ich bin etwas frustriert, wenn ich mir die Frage stelle, wie realistisch die Umsetzung von Inklusion in unserer Gesellschaft eigentlich ist. Gerade jetzt zur Landtagswahl kann irgendwie jeder etwas zu diesem Thema sagen. Jeder hat eine Meinung, jeder ist kompetent, jeder hat einen Betroffenen in seiner Familie. Weil wir doch alle irgendwie behindert sind. Und sogar Leute, aus deren Lager der Gesetzesentwurf zum so genannten Bundesteilhabegesetz kommt, schwingen sich auf und behaupten, wie wichtig ihnen Teilhabe und Mitbestimmung von Menschen mit Behinderung sei. Dabei übertrifft man sich in dem Bestreben, immer neue Worte zu finden, um dem Begriff Behinderung seine negative Bedeutung zu nehmen. Scheinheilig!

Nicht in dieser Gesellschaft

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin – auch wenn mich zuweilen der Optimismus verlässt – eine konsequente Verfechterin einer inklusiven Gesellschaft. Mein Inklusionsverständnis geht dabei weit über das von Menschen mit (körperlichen) Behinderungen hinaus. Und wenn ich von körperlichen Behinderungen spreche, meine ich alle Einschränkungen, die mit dem Körper in Zusammenhang stehen – also nicht nur Knochen und Co. Auch die tauben Ohren und die blinden Augen, die verletzten Seelen. Menschen mit Lernschwierigkeiten. Inklusion betrfft meiner Auffassung nach alle Menschen, die in irgendeiner Weise in ihrer Teilhabe behindert werden – unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten, ihrer körperlichen Verfassung, ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, ihres Geschlechts oder Alters. Und doch stelle ich mir aus zweierlei Gründen die Frage, warum es insbesondere für Menschen, die ganz offensichtlich von der (körperlichen) Norm abweichen, so schwierig ist, gesellschaftliche Akzeptanz zu erfahren.

Zum einen, weil ich selbst eine Frau mit einer Behinderung bin und weiß, wie sich (vermeintliches) Anderssein anfühlt. Und damit meine ich nicht, dass Inklusion an der Bettkante aufhört. Nein, der Blick ins Dekolltee wird schon gewagt. Da gibt es eine gewisse Neugierde. Inklusion hört bei den Schwiegermüttern im Wohnzimmer auf, bei den Reisenden an der Bahnsteigkante, bei den Lehrern an der Klassenzimmertür, den Arbeitgebern in den Unternehmen und bei den Entscheidungen der Politiker – nicht nur in den Finanzausschüssen.

Inklusion hört überall dort auf, wo jemand befürchten muss, dass ihm etwas weggenommen wird. Dass es ihm noch schlechter gehen könnte. Der Konkurrenzkampf in dieser Gesellschaft ist groß – und er wird größer werden. Und genau deshalb stelle ich mir zum anderen die Frage, ob es überhaupt gelingen kann, dieses Anderssein als menschliche Normalität zu begreifen. Und ich brfürchte: Nicht in dieser Gesellschaft! Dass jeder Mensch anders ist, lässt sich leicht dahersagen. Aber sind wir als Gesellschaft tatsächlich bereit, alle Menschen in dieser Gesellschaft nicht nur zu akzeptieren, sondern auch die notwendigen Strukturen zu schaffen, dass jeder die gleichen Chancen hat? In der Schule? In der Ausbildung? Auf dem Arbeitsmarkt? (um nur die wichtgsten Bereiche zu nennen). Wir REDEN immer wieder davon, dass Inklusion und Barrierefreiheit allen Menschen nützen. Aber wollen wir das wirklich? Wollen wir als Gesellschaft, dass jeder die gleichen Bildungschancen hat? Dass jeder Mensch die gleichen Chancen hat, einen Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden?

Hat das ganze Gerede über Inklusion nicht dazu geführt hat, dass immer mehr Menschen gegen Inklusion sind? Dass wir statt Inklusion eine spürbare Exklusion erleben? Peter Braun, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Mecklenburg-Vorpommern sagte auf dem Universitätsplatz in Rostock zu mir, ihn erinnere der Kampf um die Umsetzung von Inklusion an die Worte von Bundeskanzlerin Merkel im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage: „Wir schaffen das!“ Dieser Satz, der die Vision geweckt hat, dass ein gleichberechtigtes Miteinander aller Menschen möglich sei. Doch die Probleme, die damit in Zusammenhang stehen, so Braun, seien nicht bedacht worden.

Neue Stärke in der Behindertenbewegung

Dennoch: Es gibt Beispiele, wie Inklusion gelingen kann. Diese Beispiele lassen sich überall dort finden, wo Menschen mutig genug sind, ihren Überzeugungen zu folgen. Und diese Beispiele lassen sich dort finden, wo sich Menschen verbünden und in dieser bestehenden Gesellschaft ein Stück Inklusion erkämpfen. Gesamtgesellschaftlich wird das aber nicht funktionieren. Dazu bedarf es meiner Ansicht nach tiefgreifender Veränderungen. In einer Leistungsgesellschaft wie der unseren wird es keine tatsächliche Chancengleichheit geben. Aber wir können Teilziele erreichen.

Die Protestaktionen der letzten Wochen gegen das geplante Bundesteilhabegesetz – ebenso wie gegen das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz – erinnern mich in ihrer Stärke an die Behindertenbewegung der 80er Jahre. Damals hatte es große Proteste gegen das in die Geschichte eingegangene „Frankfurter Urteil“ vom 25.02.1980 gegeben. In diesem Urteil hatte die 24. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichtes einer Frau die Minderung ihrer Urlaubsreise zugestanden, weil sie in ihrem Urlaub den Anblick behinderter Menschen hatte ertragen müssen. Am 8. Mai 1980 fand dann in Frankfurt eine Demonstration mit 5.000 Teilnehmenden statt – eine Größenordnung wie bei der Demo am 4. Mai 2016 in Berlin. Diese neue Stärke in der Behindertenbewegung sollte aus meiner Sicht dazu genutzt werden, dass die Vereine und Verbände der Menschen mit Behinderungen ihre Ziele noch weiter schärfen und ihre Kräfte bündeln. 5.000 Menschen sind viel – aber wenig angesichts der großen Anzahl von Menschen, die in Deutschland mit einer Behinderung leben. Und noch weniger angesichts der großen Masse von Menschen, die in irgendeiner Weise von Teilhabe ausgeschlossen werden. Aber diese Aktionen sind umso wichtiger, je mehr sich die parlamentarischen Möglichkeiten erschöpfen.

Und noch eins ist es sicherlich wert, bedacht zu werden: Die Einigkeit der Bewegung. Als Ende des Jahres 1981 das so genannte „Krüppeltribunal“ stattfand, um Menschenrechtsverletzungen an behinderten Menschen zur Anklage zu bringen, kam es im Vorfeld der Organisation zu Auseinandersetzungen um die Frage, ob Behinderte und Nichtbehinderte gleichberechtigt zusammenarbeiten können oder nicht. In diesem Punkt konnte keine Einigkeit erreicht werden, so dass die Bewegung erheblich geschwächt wurde.

Auch hier erkenne ich Parallelen zur Gegenwart. Ich hege Befürchtungen,

dass bestimmte Gruppen von behinderten Menschen, nämlich die, die Arbeit auf dem allgemenen Arbeitsmarkt haben, besser als zuvor gestellt werden. Diejenigen allerdings, die von Grundsicherung und anderen Sozialleistungen leben, die Unterstützung beim Einfordern ihrer Rechte brauchen, werden nicht profitieren. Sie werden Verschlechterungen hinnehmen müssen. Und genau an diesem Punkt könnte die Behindertenbewegung gerspalten werden.

Wer möchte schon ein Krüppel sein?

Beim Wort Krüppel habe ich immer Quasimodo, den Glöckner von Notre-Dame mit seinem Buckel vor Augen, der aufgrund seiner Erscheinung zum Narrenpapst gewählt wurde. Quasimodo, der „Unvollständige“, der verkrüppelt und arm war, mitleidige Blicke auf sich zog und dem ein „normales“ Leben abgesprochen wurde. Nein, ich möchte – eigentlich – kein Krüppel sein. Ich möchte, wie jeder andere Mensch auch, mein Leben leben, einen Job haben, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Ich möchte von anderen respektiert werden, mit ihnen auf Augenhöhe sein. Ernst genommen werden. Gleichberechtigt, selbstbestimmt – als Frau, als Behinderte, als Mensch. Na ja, das ganze Programm. Doch trotz aller Anstrengungen scheint das nicht zu gelingen. Ich bleibe ein Krüppel. Aber mir ist eins dabei klar geworden: Nur wir Krüppel können – zusammen – etwas an dieser Sichtweise ändern. Und wenn das nur mit dieser Identität – eben als Krüppel – möglich ist, dann möchte ich auch ein Krüppel sein.

Quellenangabe:

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3/2016 des Magazins PARAlife

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