Stempel Förderbedarf: Keine Chance auf dem Arbeitsmarkt?

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Über dem Abschlusszeugnis von André Baumgartner steht in dicken Lettern: „Staatlich anerkannte Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung im Berufsbildungswerk Rummelsberg.“ Der schlanke, feingliedrige junge Mann ist sich sicher: „Das ist der Grund dafür, dass ich immer noch keine Arbeit habe.“

Ich will doch einfach nur arbeiten“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ich habe ohne Ende Angst vor Altersarmut.“ Dabei ist André Baumgartner erst 31 Jahre alt. Doch seit er vor über zehn Jahren seine Ausbildung zum Bürokaufmann abschloss, hat er nur etwa ein und ein viertel Jahr in seinem Beruf gearbeitet. Absolventen aus Sondereinrichtungen haben seiner Meinung nach so gut wie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

André wächst im mittelfränkischen Höchstadt an der Aisch unter schwierigen Bedingungen auf. Nicht in erster Linie, weil er aufgrund einer Polyneuropathie seit frühester Kindheit im Rollstuhl sitzt. Ihm fehlt es vor allem an Geborgenheit und Liebe. Seine Mutter – alleinstehend mit drei Kindern – hetzt von einem prekären Job zum anderen und ist oft überfordert. Seinen Vater kennt er nicht. Streit und Handgreiflichkeiten sind an der Tagesordnung. Zu seinen beiden Halbgeschwistern, die ihn umsorgen, fühlt er sich sehr hingezogen. Doch die 13 Jahre ältere Schwester und der 10 Jahre ältere Bruder fliehen frühzeitig aus dem mütterlichen Haus und gehen ihre eigenen Wege. Der Junge ist noch einsamer.

Frühe Weichenstellung

Nach langem Kampf besucht André zunächst einen Regelkindergarten, in dem er sich durch die Gemeinschaft viele Dinge aneignen kann und aufblüht. Schnell schließt er Freundschaften mit anderen Kindern. Auch in der Grundschule in Etzelskirchen, in der die Kinder der umliegenden Dörfer lernen und deshalb nur relativ wenige Schüler in einer Klasse sind, gelingt es ihm zunächst, sich zu integrieren. Seine Lernergebnisse, besonders im mathematischen Bereich, sind gut. Doch die Auseinandersetzungen zuhause hinterlassen Spuren. Und er kämpft gegen die wachsende Erkenntnis an, anders zu sein als andere. Er spürt diese Wut im Bauch und dafür braucht er ein Ventil. Mitunter verschafft er sich Luft, indem er auf andere Kinder losgeht. In der zweiten Klasse zum Beispiel vergeht kaum ein Tag ohne Zwischenfälle. Die Klassenlehrerin legt der Mutter den Gedanken an ein Heim für schwererziehbare Kinder nahe. Mit einer solchen Einweisung droht die Mutter in Zukunft ständig.

In einer Pause in der zweiten Klasse passiert es, dass die Klassenlehrerin den Jungen schubst. Er erleidet einen Hörsturz, dem weitere folgen. Seine Leistungen werden daraufhin schlechter und André soll nach der vierten Klasse auf eine Hauptschule wechseln. Doch die weigert sich: „Rollstuhlfahrer nehmen wir nicht.“ Auf der Suche nach Alternativen kommt André auf das 70 Kilometer entfernte Förderzentrum für Körperbehinderte Wichernhaus Altdorf und besucht hier die 5. bis 9. Klasse. Anschließend folgen zunächst berufsvorbereitende Maßnahmen. 2002 beginnt der junge Mann seine Ausbildung im Berufsbildungswerk (BBW) Wichernhaus Rummelsberg. Auch hier haben alle Azubis eine Körperbehinderung.

Wer in die Fänge der Rummelsberger Einrichtungen gerät, kommt da kaum wieder raus“, sagt André heute. Obwohl auf der Internetseite des Berufsbildungswerkes Rummelsberg behauptet wird: „Am Ende der Ausbildung bestehen unsere Azubis mehrheitlich die staatlich anerkannte Prüfung und sind optimal auf ein selbständiges Leben vorbereitet. Wir begleiten sie aktiv beim Übergang in die Arbeit und stellen fest: Ein Jahr nach Ausbildungsende stehen über 60 % der AbsolvenIinnen fest im Berufsleben.“

Der direkte Weg in die Arbeitslosigkeit

Bei André geht nach der Ausbildung erst einmal gar nichts. Obwohl er im Sommer 2005 die Abschlussprüfung vor der Industrie- und Handelskammer mit gutem Erfolg ablegt und ihm in seinem Ausbildungszeugnis eine „schnelle und sichere Auffassungsgabe“ bescheinigt wird. Auch, dass er sich besonders gut im EDV-Bereich auskennt. Doch er sagt selbst, dass ihm bestimmte Grundlagen fehlen. So wurden ihm am BBW keine Kenntnisse im IT-Verfahren SAP oder Lexware vermittelt. Standardanwendungssoftwareprogramme, die auf dem freien Markt verwendet werden und die er dringend in der Praxis braucht.

Er kämpft lange darum, dass ihm das Arbeitsamt eine Fortbildung für die Anwendung einer solchen freien Software genehmigt. Obwohl sie damit argumentieren, er sei dann überqualifiziert, bewilligen sie ihm 2006 schließlich einen Lehrgang in Lexware, den er erfolgreich belegt. André erhält daraufhin ein Empfehlungsschreiben vom seinem Ausbilder, einem freiberuflichen Dozenten für Rechnungswesen. Darin wird ihm bescheinigt, dass er „in herausragender Weise für eine Tätigkeit in Buchhaltung oder kaufmännischer Auftragsabwicklung geeignet“ ist. Der Dozent empfiehlt Unternehmern, die nach einem neuen Mitarbeiter suchen, André zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen. Er selbst arbeite als geschäftsführender Gesellschafter der TWC Transworld Communication Vertriebs GmbH und betont: „Da ich sicher bin, dass die Investition in ihn für mein Unternehmen rentabel wäre, würde ich selbst für Herrn Baumgartner in unserem Unternehmen einen neuen, zusätzlichen Arbeitsplatz einrichten. Die baulichen Gegebenheiten unseres Büros (3. Stock ohne Aufzug) lassen dies bedauerlicher Weise nicht zu.“

Auf der Straße

Einen Job bekommt André trotz des Empfehlungsschreibens nicht. So lebt er vorerst zuhause. Doch das Verhältnis zu seiner Mutter ist nicht einfacher geworden. Als die Situation eskaliert, verlässt der rebellische junge Mann am Heiligen Abend 2006 das Haus und lebt für ein halbes Jahr bei Punks unter einer Brücke an der Wöhrder Wiese. Die Tage verbringt er mit „Schnorren“. Ein ungewöhnliches Bild: Ein Rollstuhlfahrer in der Nürnberger Fußgängerzone, der die Vorübergehenden um ein paar Cent bittet und ihnen dann einen schönen Tag wünscht. „Manche waren so überrascht, dass sie sich umdrehten und mir etwas zusteckten. Meine Freundlichkeit hat mir sehr geholfen.“

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Unterstützung erhält er in dieser Zeit von seiner Schwester, deren Adresse er beim Arbeitsamt angeben darf, damit niemand merkt, dass er obdachlos ist. 500 Bewerbungen verschickt er. Mit einer Initiativbewerbung hat er schließlich bei einer Messebaufirma in Nürnberg-Fürth Glück. Er wird als Zuarbeiter in der Buchhaltung eingestellt, erhält 1000 € brutto in Vollzeit, wovon er sich zumindest eine kleine, 30 Quadratmeter große Altbauwohnung leisten kann. Küche und Bad sind zwar nicht barrierefrei, da muss er reinlaufen. Aber er hat erst mal ein Dach über dem Kopf.

Angebote – ohne reale Perspektive

In der Messebaufirma ist André ein viertel Jahr beschäftigt. Er legt sich ins Zeug, arbeitet wie verrückt. Doch das hilft ihm nicht. Er wird noch in der Probezeit entlassen. Und erhält ein weiteres Vorstellungsgespräch beim Integrationsfachdienst beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Die sagen ihm klar und deutlich: „Wir sehen Sie nicht in dieser Position. Wir haben Sie nur aufgrund ihrer Behinderung eingeladen.“ Andrés Selbstwertgefühl ist ziemlich im Eimer. Und er fragt sich, warum er sich dann noch bei Behörden bewerben soll. Er ist weitere fünf Jahre arbeitslos.

2012 endlich bekommt er eine Vollzeitstelle bei der Bundesanstalt für Arbeit Nürnberg als Assistent der Infrastruktur im Internen Service, Abteilung Liegenschaftsmanagment. Leider eine für ein Jahr befristete Stelle, weil sich die Bundesagentur im Stellenabbau befindet und so keine Chance auf Übernahme besteht. So ist André ab Oktober 2013 wieder arbeitslos. Doch er steckt den Kopf nicht in den Sand, bewirbt sich weiter und bekommt ein Vorstellungsgespräch bei der Stadt Fürth. Doch auch hier scheitert es an der fehlenden Praxis.

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Und er engagiert sich zunehmend politisch. Aus seiner anfänglichen Rebellion gegen das Elternhaus als Punk erwächst eine tiefere Auseinandersetzung mit den sozialen Ursachen von Hartz IV, Chancenlosigkeit in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt und anderen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft. In Bezug auf Menschen mit Behinderungen fragt er sich insbesondere, wem Sonderstrukturen wie Förderschulen, Berufsbildungswerke und Werkstätten nützen. Trotzdem bewirbt er sich weiter. Vor fünf Wochen hatte er wieder einmal ein Vorstellungsgespräch. Gerade hat er eine Absage bekommen…

Margit Glasow
Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin PARAlife 4/2016

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