Wir brauchen eine neue Lernkultur!

„Wir brauchen eine neue Lernkultur!“
Im Interview: Prof. André Zimpel

Dieses bereits 2014 geführte Interview besitzt höchste Aktualität in der gegenwärtigen Inklusionsdebatte.

image

Studenten der Uni Hamburg Akrobatik trainieren mit Jugendlichen mit Trisomie 21. Ziel ist dabei, voneinander zu lernen

Herr Prof. Zimpel, wenn wir von Menschen mit Down-Syndrom sprechen, bezeichnen wir sie oft als Menschen mit einer geistigen Behinderung. Das beinhaltet meiner Meinung nach eine Abwertung. Welche Formulierung bevorzugen Sie?

Prof. Zimpel: Auch wenn wir versuchen, mit Euphemismen bestimmte Begriffe positiv zu definieren, bleibt der Inhalt doch eindeutig abwertend. Es hilft nicht, nach schöneren Worten zu suchen. Ich bevorzuge die Formulierung von „People first“, einer Gruppe politisch motivierter Leute, die von Menschen mit Lernschwierigkeiten sprechen. Und ich spreche von Menschen mit Trisomie 21 statt von Menschen mit Down-Syndrom. Es ist schwierig, denn am Ende wird alles mit „dumm“ oder „wenig intelligent“ übersetzt. Aber gerade Intelligenz war für die Emanzipation bestimmter Menschengruppen – also auch von Menschen mit Behinderung – immer sehr wichtig. Ich denke zum Beispiel an die Krüppelbewegung um Franz Christoph. Die von ihm zusammen mit Horst Frehe gegründete bundesweit erste Krüppelgruppe forderte politisch nicht die Integration, sondern wollte die nichtbehinderte Öffentlichkeit mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren. Franz Christoph hatte für sich selbst das beschönigende Wort „Behinderter“ abgelehnt. Der in Hamburg lebende Schriftsteller machte Schlagzeilen, als er 1981 mit Krücken auf den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens einschlug. Aus Protest gegen die von dem australischen Philosophen Peter Singer angefachte Euthanasie-Diskussion kettete er sich vor den Redaktionsräumen der „Zeit“ an. Für ihn war allerdings klar, dass Menschen wie er am schlechtesten dafür geeignet waren, für die Emanzipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen – einfach weil er als Mensch mit einer körperlichen Einschränkung sein ganzes Leben darum kämpfen musste, nicht für dumm gehalten zu werden. Was ich deshalb immer wieder kritisiere, ist, dass die vermeintliche Normalität als Maßstab genommen wird. Es ist eine Illusion zu glauben, die Normalen seien eine homogene Gruppe. Eine Gruppe von Menschen ist immer heterogen.

Sie leiten eine Studie zur Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung und des Lernverhaltens von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Trisomie 21, in der über 1000 Menschen mit Trisomie 21 untersucht werden. Worum geht es bei dieser Studie genau?

Prof. Zimpel: Menschen mit Trisomie 21 wird oft weniger zugetraut, als sie können. Doch dass uns diese Menschen als geistig behindert erscheinen, bezeichnet meines Erachtens nur unsere eigene Unfähigkeit, sie zu verstehen. Leider bleiben ihnen deshalb oft Bildungschancen verschlossen.
Mit unserer Studie möchten wir zeigen, dass Menschen mit Trisomie 21 nicht nur Schwächen, sondern auch Stärken haben. Einige, wie beispielsweise Pablo Pineda aus Spanien, Aya Iwamoto aus Japan und Francesco Aglio aus Italien, haben bewiesen, dass auch Hochschulabschlüsse möglich sind. Man muss dazu allerdings wissen, dass sich Menschen mit Trisomie 21 Dinge anders als Menschen ohne diese genetische Abweichung erschließen. Die vorhandenen Lehrmethoden berücksichtigen das bislang nur unzureichend und müssen überdacht werden. Deshalb versprechen wir uns von diesen Untersuchungen ein besseres Verständnis der Lernschwierigkeiten von Menschen mit einer Trisomie 21. Sollte sich unsere Vermutung bestätigen, dass diese Menschen einen kleineren Aufmerksamkeitsumfang haben als Personen ohne Syndrom, würde dies erklären, warum sie in vielen Bereichen von geeigneten Abstraktionen profitieren. Menschen mit Trisomie 21 können zum Beispiel die Algebra besser verstehen als einfache Mathematik. Das wird oft nicht verstanden. Diese Ergebnisse könnten aber ein erstes Indiz dafür sein, dass der anschauungsgebundene, kleinschrittige und Abstraktionen vermeidende Unterricht an Förderschulen den neuropsychologischen Besonderheiten von Menschen mit einer Trisomie 21 nur wenig Rechnung tragen kann. Unsere Idee besteht deshalb darin, gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Trisomie 21 Lerninhalte so aufzubereiten, dass sie ihrem Aufmerksamkeitsoptimum gerecht werden. Gelänge dies, könnten Menschen mit Trisomie 21 ihre Potenziale besser entfalten und somit mehr von inklusiver Pädagogik profitieren und von ihrem Recht auf Partizipation gezielt Gebrauch machen.

Was halten Sie denn persönlich von der Diskussion um die Inklusion?

Prof. Zimpel: Ich glaube, dass das gesamtgesellschaftliche Interesse daran im Moment nicht sehr groß ist. Wir werden lange brauchen, um von diesen alten Strukturen wegzukommen, dabei ist zum Beispiel das Gymnasium schon längst zur Volksschule degradiert. Mit unserem gegliederten Schulsystem werden wir immer an Grenzen stoßen. Alle Kinder stoßen dort an ihre Grenzen. Viele Eltern sind entnervt und entscheiden sich deshalb für Sonderschulen. Aber negative Beispiele sind keine Absage an die Inklusion, sondern eher eine Verschärfung. Es ist ein konstruktiver Lernprozess, der zeigt, wie Inklusion nicht gut läuft.
Wir haben früher auch gesagt, dass Mädchen und Jungen nicht gemeinsam auf einer Schule lernen können. Und jetzt ist es Normalität. Das Thema Inklusion ist durch die UN-Behindertenrechtskonvention in den letzten Jahren verstärkt in die Diskussion gekommen. Die Politiker sind sehr überzeugt, dass Inklusion wichtig ist. Aber das Problem sind die Wählerinnen und Wähler. Die Politiker überlegen, welche Schritte sie unternehmen müssen, damit ihnen die Wähler nicht weglaufen. Wir sollten deshalb meines Erachtens nicht dogmatisch Inklusion verordnen und berücksichtigen, dass immer noch eine breit gestreute Unwissenheit herrscht. Leider passiert im Allgemeinen nicht viel Aufklärung.
Es gibt aber auch eine Reihe von Menschen, die danach hungert, mehr zu wissen. Auf dem Kongress „Zeit für eine neue Lernkultur“ haben wir zum Beispiel im Jahr 2012 mit etwa 400 Leuten gerechnet. Es kamen über 800, um über Wertschätzung und Zutrauen in wechselseitiger Anerkennung der individuellen Kompetenzen zu diskutieren. Es ging darum, wie gemeinsamer Unterricht möglichst alle Lernenden stärken kann. Und es ging um eine neue Lernkultur, in der Freude am Lernen die beste Vorbeugung gegen Lernschwierigkeiten ist.
Das Interesse einer bestimmten Schicht ist also groß. Was wir brauchen, sind Lehrer, die selbst eine Einschränkung haben, also Lehrer, die gehörlos sind, die mit einer Trisomie 21 leben usw. Und wir brauchen diese Menschen an der Uni – einfach um das gegenseitige Verständnis füreinander zu erhöhen. Man hält mich für verrückt, dass ich das auch für Hamburg will. Aber Koedukation klappte auch erst, als Frauen unterrichtet haben.

Worin sehen Sie den konkreten Weg, Inklusion in der Praxis umzusetzen?

Prof. Zimpel: Ein entscheidender Maßstab für das Gelingen von Inklusion ist meiner Ansicht nach, ob Menschen mit Beeinträchtigungen nur als Hilfe Empfangende gesehen oder auch als Helfende anerkannt werden. Die zentralen Fragen, die sich aus diesen Überlegungen für mich ergeben, sind folgende: Welchen Stellenwert bei der Kompetenzentwicklung hat es, Hilfe anzunehmen und sich selbst als hilfreich für andere zu erleben? Inwieweit ist es möglich, in pädagogischen Prozessen Kreisläufe der gegenseitigen Hilfe und Förderung so zu organisieren, dass niemand nur Hilfe empfängt, sondern auch sich selbst als hilfreich erleben kann?

Im Moment ist es so, dass sich in den Inklusionsklassen besonders die Schülerinnen und Schüler ohne Behinderung als Gewinner erleben. Am wenigsten profitieren diejenigen davon, um die es eigentlich geht. Deshalb müssen wir eine neue Lernkultur schaffen – auch Menschen mit Behinderung müssen sich als hilfreich für andere erleben können. Dann können sie auch Hilfe annehmen. Das steht im Inklusionsindex zwar unter ferner liefen, aber es ist meines Erachtens das zentrale Thema.

Herr Prof. Zimpel, ich danke Ihnen für das Gespräch.

1. Infokasten
Einander helfen: Der Weg zur inklusiven Lernkultur
Von André Frank Zimpel
Perspektivwechsel: die zentrale Rolle des Helfens bei der Bildung. Wer viel hat, dem wird gegeben; wer wenig hat, dem wird genommen. Diese Faustformel, auch Matthäus-Effekt genannt, untergräbt die Demokratie und droht unsere Gesellschaft zu spalten. Sinnvolle Maßnahmen zielen deshalb immer auf Normalisierung: Stärkere helfen Schwächeren. Dasselbe sollte natürlich auch für unser Bildungssystem gelten. Chancengleichheit allein genügt nicht, weil sie viele Fragen offen lässt, wie zum Beispiel: Wie stärkt man möglichst alle Lernenden im gemeinsamen Unterricht? Wie pluralisiert man die Lernwege so, dass niemand auf der Strecke bleibt? Wie vermeidet man bei möglichst allen Lernenden schwächende Frustrationserlebnisse, die als Aversionen die weitere Lernbiografie beeinträchtigen könnten? Diesen Fragen geht das Buch nach und klärt sie in drei Schritten. Die Teilfragen lauten: Welche Faktoren stärken und welche Faktoren schwächen das Lernen nach dem aktuellen Stand der Hirnforschung? Welche Bedeutung haben die typisch menschlichen Fähigkeiten, Hilfe anzunehmen und zu helfen, für die geistige Entwicklung von Kindern? Wie kann gemeinsames Lernen in (integrativen/inklusiven) Schulen so gelingen, dass alle davon profitieren?
2., veränderte Auflage 2014
208 Seiten, mit 27 Abb., kartoniert
€ 21,99
ISBN 978-3-525-70170-6

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s