Ich bin überzeugt, dass Inklusion machbar ist

Interview mit Prof. Hans Wocken, Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagoge

Im September 2017 fand in Köln der dritte Kongress „Eine Schule für Alle. Inklusion schaffen wir“ des Vereins mittendrin e. V. statt. Am Rande dieses Kongresses stand mir Prof. Hans Wocken, Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagoge, der sich für die gemeinsame Beschulung aller Kinder und Inklusion als Menschenrecht einsetzt, zur Frage der Machbarkeit von schulischer Inklusion Rede und Antwort. Hier ein Auszug des Interviews:

Herr Prof. Wocken, Sie waren drei Tage lang auf dem Kongress „Eine Schule für alle“ in Köln. Sind Sie immer noch der Meinung, dass Inklusion in der Schule gelingen kann?

Hans Wocken:
Ich war nicht nur drei Tage lang auf dem Kongress, sondern ich beschäftige mich seit 35 Jahre mit diesem Thema. In den ersten Jahren meines Engagements – damals nannte man es noch Integration – gab es noch einen zweifelnden, einen ungläubigen Hans Wocken. Aber dann habe ich durch manche Schulversuche erfahren: Es geht tatsächlich. Und diese Überzeugung, dass Inklusion machbar ist, die hat sich in den 35 Jahren immer mehr verfestigt. Was bei mir Zweifel hervorruft, ist die Machbarkeit auf der gesellschaftlichen Ebene. Diese Zweifel sind in der letzten Zeit bei mir immer stärker geworden.Ich glaube, dass das elitäre Bürgertum und die Elite überhaupt Inklusion nicht wollen.

Sie haben den Einsatz von Assistenzlehrern in allen Klassen vorgeschlagen. Ein Vorschlag, der nicht ganz unumstritten ist. Können Sie einmal genau erklären, was Sie mit Ihrem Vorschlag meinen?

Hans Wocken:
Diese Idee ist nach und nach in mir gewachsen. Ich arbeite an der Basis mit manchen Elterninitiativen zusammen und habe von diesen Eltern immer wieder gehört, dass sie sich gar nicht so sehr einen Sonderpädagogen wünschen, sondern viel mehr, dass eine zweite Person da ist, die mal bei ihrem Kind sitzt, es unterstützt und dergleichen mehr. Und da habe ich die Frage gestellt, was denn nun besser ist: Professionalität oder Präsenz. Ich habe in meinen Vorträgen diese beiden wichtigen Werte immer einander gegenübergestellt. Und es hat sich – ohne jedwede Manipulation – gezeigt: Den Eltern wie auch den Lehrern ist die Anwesenheit, die aktuelle Unterstützung durch eine zweite Person wichtig. Das ist kein Votum gegen Professionalität. Aber sie wollen, wenn was passiert, jemanden vor Ort haben. Wenn ein epileptisches Kind zum Beispiel einen Anfall bekommt und der Sonderpädagoge ist nicht da, was nützt mir das. Wenn da aber eine zweite Person wäre, der man ja beibringen kann, was man in einem solchen Fall tun muss, dann wären die Eltern und die Lehrer beruhigt. Die Vorbehalte, die in der Diskussion geäußert wurden, habe ich erwartet. Dass die Professionalität leidet, wenn ich den Sonderpädagogen rausschicke. Dass das ein Sparmodell sei usw. Ich möchte einfach, dass wir eine bessere Ressourcenausstattung haben, als sie uns aktuell zur Verfügung steht.

Trotzdem wird Ihr Vorschlag von vielen als Sparmodell bezeichnet. Ist er so etwas wie eine Anpassung an die Realität? Sie haben ja ganz klar gesagt, das Zwei-Lehrer-Prinzip sei eine Absage an die Inklusion.

Hans Wocken:
Es ist AUCH eine Anpassung an die Realität. Aber meine ursprüngliche Motivation war, dass die Forderung, wir brauchen einen vollen Lehrer und einen vollen Sonderpädagogen für jede Klasse, falsch ist. Denn ein Sonderpädagoge ist in mancher Inklusionsklasse zum einen überfordert, er hat bestimmte Dinge studiert und dann sitzen da zufällig ganz andere behinderte Kinder. Zum anderen ist ein Sonderpädagoge auch unterfordert. Er macht Dinge, die können auch andere Menschen leisten, zum Beispiel Kinder beim Essen und ähnlichen Dingen unterstützen. Es ist nicht der richtige Mann, die richtige Frau für das, was da abgefordert wird. Wir sollten den Sonderpädagogen für das einsetzen, was nur er kann.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Integrationshelfer, Schulbegleiter oder wie sie alle heißen, die Schülern direkt zugeordnet werden? Ist das nicht Exklusion?

Hans Wocken:
Diese Thematik ist total misslich. Erstens werden sie unterbezahlt. Zweitens sind sie nicht qualifiziert. Drittens steht im Schulrecht, dass sie eigentlich für einen bestimmten Schüler zuständig sind und keine anderen Aufgaben übernehmen dürfen. Das ist absolut falsch. Die Inklusionsunterstützung des gewöhnlichen Lehrers sollte klassenbezogen erfolgen. Jede Klasse bekommt einen qualifizierten Inklusionsassistenten.

Was sagen Sie zum Thema Wunsch- und Wahlrecht der Eltern in Bezug auf Förder- und Regelschulen?

Hans Wocken:
Das Wahlrecht der Eltern ist beim Aufbau eines inklusiven Schulsystems immer dann wichtig, wenn gleichzeitig noch Förderschulen bestehen. Und das ist ja noch der Fall. Es ist nicht mehr gesetzlich erlaubt, ein Kind per gesetzlichem Bescheid verpflichtend auf eine Förderschule zu schicken. Die so genannte Sonderschulpflicht ist abgeschafft. Wie sollen denn aber noch die Förderschulen gefüllt werden, wenn man nicht ein Elternwahlrecht hat? Wenn man bei existierenden Förderschulen kein Elternwahlrecht mehr hat, laufen die automatisch aus. Das heißt, das Elternwahlrecht ist notwendig, wenn wir Förderschulen haben. Es ist notwendig, um das separierende System aufrechtzuerhalten. Die Probleme des Elternwahlrechts liegen insbesondere darin, dass wir nicht von einem freien Elternwahlrecht sprechen können, weil beide Systeme absolut unterschiedlich ausgestattet sind. Wir haben blendend ausgestattete Förderschulen, nahezu goldene Käfige und wir haben notdürftigst ausgestattete inklusive Schulen. Die Eltern wählen nicht die Schulform, die Eltern wählen die Ressourcen. Wenn die Eltern eine Therapie bekommen, ein Schwimmbad, einen Fahrdienst, Ganztagsbetreuung, dann sagen sie, ich will diese Ressourcen haben und schicken ihr Kind auf die Förderschule. Es ist kein freies Wahlrecht, sondern die Eltern wurden mehr oder weniger durch die Angebote dorthin verlockt.

Und was machen wir mit den Gymnasien?

Hans Wocken:
Die Bewusstseinslage der gegenwärtigen Gesellschaft ist eher so ausgerichtet, dass das Gymnasium ein absolutes Tabu ist. Wer das Gymnasium angreift, hat verloren. Das gilt ein wenig auch für die Realschule. Politstrategisch und im Sinne einer erfolgreichen Entwicklung würde ich deshalb persönlich für Inklusion kämpfen wollen, ohne gleichzeitig die Forderung zu positionieren, das Gymnasium muss abgeschafft werden. Das mag richtig sein, ist aber strategisch falsch.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Politik?

Hans Wocken:
Die Politik wird das tun, wovon sie sich verspricht, dass sie wiedergewählt wird. Gerade in NRW hat sich das in den letzten Wochen gezeigt. Sowohl die CDU als auch die FDP ist auf den Slogan aufgesprungen: Wir wollen einen Stopp haben, wir wollen ein Moratorium. Und sie haben mit dieser etwas anrüchigen Strategie in der Tat ein Stückchen Wahlkampf gemacht und die Wahlen gewonnen. Natürlich heißt die andere Empfehlung: Wir müssen die Bevölkerung aufklären. Das muss man, natürlich. Wir müssen Eltern und Lehrer mitnehmen. Das überzeugendste Argument für diese Bewusstseinsbildung ist, dass wir vorzeigbare Modelle inklusiver Schulen haben, die funktionieren und wo alle merken: Mein Kind muss unter der Inklusion nicht leiden. Die breiteste Stimmung bei den Eltern ist: Mein Kind soll Abitur, mein Kind soll Karriere machen. Die Eltern sind Löwen, die sich vor ihre Kinder stellen und die alles tun werden, damit ihr Kind vorwärts kommt. Und sie haben das dumpfe Gefühl, wenn da schwache Kinder dabei sind, wird das ein Abzug von den Karriereambitionen ihres Kindes sein. Das ist ein unausgesprochenes, tiefes Motiv, weshalb man nicht für Inklusion ist. Inklusion geht zu Lasten meines Kindes. Dann bleiben die Eltern doch lieber – ich meine das in gutem Sinne – Egoisten.

Das Interview wurde erstmals veröffentlicht im Magazin PARAlife – Journal für ein Leben ohne Barrieren, Ausgabe 4/2017.

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